Wie oft am Tag begegnet Ihnen das in Ihrer Praxis? Gestandene Männer werden auf Ihrem Behandlungsstuhl zu verängstigten Kindern und ansprechende Frauen zu verkrampften Mädchen. Kinder weigern sich panisch den Mund zu öffnen und alte Menschen sind voller Scham vor Ihnen. Wie geht es dem „Menschen Zahnarzt“ damit? Was machen Sie mit den Empfindungen, die dadurch in Ihnen ausgelöst werden, und was machen diese Empfindungen über die Zeit mit Ihnen? Wie verändern und beeinflussen diese die Beziehungen zu Ihren Patienten, Mitarbeitern, Ihrem Partner und schließlich zu Ihnen selbst?

Der Alltag wird oft von den gewöhnlichen und offenkundigen Belastungen geprägt, z.B. durch Ihr hohes Arbeitstempo in körperlich anstrengender Haltung und die Gleichförmigkeit der täglichen Arbeit. Daneben gibt es die Zwänge der Führung des Wirtschaftsunternehmens „Praxis“ und die oftmals damit verbundenen wirtschaftlichen Sorgen. Das Behandlungsteam, meistens ausschließlich Frauen, braucht Motivation und Richtung; oft ist der Zahnarzt als Chef auch Ansprechpartner für private Probleme seiner Angestellten.

Dazu kommt der Mangel an kollegialem Austausch in der Tätigkeit als Einzelkämpfer und das dünne Netz an Freunden und Bekannten, für dessen Pflege Ihnen außerhalb der Arbeit oft wenig Zeit bleibt. Und schließlich erscheint Ihr Berufsstand in der öffentlichen Wahrnehmung häufig als eine Ansammlung geldgieriger „Abzocker“, dem eher Neid als Verständnis entgegengebracht wird, und dem die Anerkennung für seine gute Leistung häufig verweigert bleibt.

Aber ist das alles? Vernachlässigt wird oft die Wahrnehmung der chronischen, oft lange Zeit unterschwelligen Belastung der Arzt-Patient-Beziehung zu Lasten des Zahnarztes (und seines Selbsterlebens). In der täglichen Konfrontation mit dem Schmerz des Patienten erlebt der Zahnarzt sich als angstauslösend und – in der Reaktion des Gegenübers - als aggressiv (und falsch verstanden). Der Mund als primäres Kontaktorgan des Menschen ist nämlich mit einer Vielzahl psychischer, überwiegend unbewusster Funktionen verknüpft. Die Behandlung des Zahnapparates durch den Zahnarzt ist auch deshalb ein Eingriff, der tiefe Wirkungen auf das psychische Selbsterleben und psychosomatische Wohlbefinden des Patienten haben, und der in seinen komplexen Auswirkungen im Rahmen der zahnärztlichen Tätigkeit weder erfasst, noch klärend kommuniziert werden kann.

All diese Faktoren erhöhen in ihrer Summe die Wahrscheinlichkeit, dass mittelfristig beim zahnärztlichen Behandler psychische und psychosomatische Beschwerden auftreten und zu einer anhaltenden Überforderung werden, die in einem Burnout mündet.

Die Teilnahme an einer Intervisionsgruppe nach Michael Balint ist eine wirksame Möglichkeit, die Interaktionen zwischen Zahnarzt und Patient transparenter zu machen und sie im eigenen Sinne positiver gestalten zu können. Sie dient damit sowohl einer Verbesserung der Behandlungsergebnisse als auch der „Psychohygiene“ des Arztes, dessen Belastungsfähigkeit und Berufszufriedenheit dadurch gefördert werden kann.